Tagebuch eines unfassbaren Verlustes – Fortsetzung

Montag, 13. Februar 2017, 23.43 Uhr:

Morgen geht es nach Österreich, meine erste Reise ohne dich. Habe gerade gepackt, nur für mich. Muss nicht an deine Medikamente denken und für dich nicht mit packen, weil du das Reisen zwar liebst, aber nicht das Packen… Du bist vor 2 Wochen allein verreist, ohne Gepäck, ohne mich…

Heute war es schlimm. Ich habe wieder zu unterrichten begonnen. Atmungsorgane. Als ich die Atemsteuerung erklärte, sah ich nur dich von meinen Augen, als diese dir versagte. Deine Augen, die mich nicht losliessen – du wolltest dir den Anblick einprägen für deine lange Reise, die ohne Gepäck und ohne mich…

 

Wien, Österreich: Mittwoch, 15.Februar 2017, 22.17 Uhr:

Ich bin in Wien mit Jan und Freunden. Nicht Ablenken, sondern Leben versuchen, Fuss fassen, sich trösten lassen von Schönheit. Es funktioniert nicht.

Ich esse Sachertorte und denke daran, wie gern du Süsses gegessen has, wie gern du mit mir ins Café gegangen bist.

Ich gehe ins Sini-Museum und denke an unsere glückliche Zeit in der Kaiservilla in Heiligenblut. Ich lese Sisis Zitate voller Traurigkeit und Aufgabe und kann es so intensiv nachspüren, dass ich fast glaube, sie stammten von mir.

Ich fahre mit der U-Bahn und denke an unsere Städtereisen, in denen du immer auf einem Taxi bestanden hast und jeden Taxifahrer dazu brachtest, dir die Stadt zu zeigen und zu erklären.

Jetzt liege ich in meinem schmalen Einzelbett und schreibe, weil wir Zwei nicht unseren Tag gemeinsam Revue passieren lassen können, weil wir den morgigen Tag nicht gemeinsam planen können.

 

Mondsee, Österreich: Samstag, 18. Februar 2017, 22.40 Uhr

Ich bin aufgefangen eingehüllt in Verständnis, Zuneigung, Arbeit und Gespräche. Ich durfte meine Trauer mit Menschen teilen, die dieses Gefühl kennen und die meine Trauer aushalten können, sie nicht wegmachen wollen. Ich bin gestärkt.

Heute fuhr ich nach Jahrzehnten wieder einmal Langlaufski. Es tat so gut, wie habe ich es vermisst. Dann sag ich Schneeschuhwanderer – das hatten wir beide für die Reise nach Nassfeld zum Ende des Monats geplant.

Ich taumele zwischen der schlichten Freude am Dahingleiten im Schnee und dem Entsetzen, dass das nur möglich ist, weil du nicht mehr an meiner Seite bist. Aber was soll ich denn tun?

Und ich power mich aus, nehme die längere Loipe, will meinen Körper wieder spüren. Die Tränen vermischen sich mit den Schneeflocken und als es mich aus der Kurve trägt, ich unsanft auf dem Allerwertesten lande, spüre ich zum ersten Mal wieder einen körperlichen Schmerz. Also scheine ich noch zu leben…

 

Sonntag, 19. Februar 2017, 23.12 Uhr

Zurück aus Österreich, zurück in der Realität. Nein, du wartest zu Hause nicht auf uns, das Haus ist leer bis auf Pieps, unseren Kaiarie.

Aber ein Berg Post wartet auf mich. Man bedauert meinen Verlust, man bietet Hilfe an, man benötigt Urkunden, Ausweiskopien, Bescheinigungen und das Finanzamt will Steuerunterlagen.

Ich möchte nur weg, weg von der Post, weg aus dem leeren Haus. Aber wie soll ich dann unsere Ziele verwirklichen, meine Versprechen, die ich dir gab, halten?

 

Donnerstag, 23. Februar 2017, 1.18 Uhr

Er ist vorbei – mein erster Geburtstag ohne dich. Ich erwacht am Morgen mit dem Gedanken “54 und Witwe” und es fühlt sich so absolut fremd an, unwahr, eine Lüge, das bin ich nicht. Aber du bist auch nicht bei mir, nicht in deinem Körper, ich höre nicht deine warme Stimme…

Ich verbringe den Tag so, wie wir ihn gemeinsam geplant haben. Jan weicht nicht von meiner Seit. Wir besuchen, wie fast täglich, dein Grab – du fehlst so sehr und es wird zur Normalität, dich nicht zu sehen nur zu spüren.

So viele Menschen wünschen mir Glück, aber dieser Wunsch bleibt halb im Halse stecken, angesichts dessen, dass…, ja dass…, ja dass ich seit 3 Wochen Witwe bin. Was soll man da auch sagen?

Die Zuneigung, die Versuche, da zu sein und mir irgendwie zu helfen – sie berühren mich zutiefst, lassen mich dankbar werden, geben Kraft. Kraft für die nächste Minute, nächste Stunde, den nächsten Tag – wer weiss, vielleicht sogar für’s nächste Jahr. Mein erstes Jahr als Witwe, Beziehungsstatus: wir leben und lieben uns in 2 Welten… in welcher bin ich?

 

Montag, 27. Februar 2017, 13.40 Uhr

Auf die Minute vor 4 Wochen bist du über die Regenbogenbrücke gegangen. Meine Ohren sausen, mein Herz rast – 4 Wochen ohne dich.

Bei Rudolf Steiner las ich, dass der Mensch 4 Wochen braucht, um etwas Neues zu akzeptieren, etwas zu verändern… Nein, nein, an einen solchen Verlust kann er nicht gedacht haben.

Ich funktioniere, mache, was gemacht werden muss, stricke, um nicht verrückt zu werden, schreibe, habe mein Training wieder aufgenommen – manche nennen das Leben…

Aber ich kenne den Unterschied. Ich weiss, wie es ist, vor Liebe zu brennen, wie es ist, alles mit dir zu teilen, zu besprechen, zu diskutieren, dein Lob, wenn ich wieder einen Trainingsschritt genommen habe.

Ich frage mich “Wofür” und wenn die Antwort “Für mich” ist, dann ist es mir zu wenig. Sie war doch immer “Für uns”…

 

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Ein Gedanke zu „Tagebuch eines unfassbaren Verlustes – Fortsetzung

  1. Ich fühle zwar mit dir, bin aber sprachlos. Kann dir den Schmerz weder lindern, noch nehmen. Das muss die Ohnmacht einer Sisyphos-Aufgabe sein…

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