Tagebuch eines unfassbaren Verlustes – Jürgen Schwarz ist über die Regenbogenbrücke gegangen

Dienstag, 31. Januar 2017, 7 Uhr:

Gestern Hirntod festgestellt, doch du siehst mich an, schaust tief in meine Seele wie du es immer getan hast, vom ersten Moment unseres gemeinsamen Lebens. Bittest du mich um Verständnis für deinen Entschluss mir deinen Körper, deine Stimme, deine Augen, deine Ohren zu entziehen? Du entgleitest mir und irgendwie schaffe ich es, dich mit meiner Liebe zu begleiten. Du sollst mich in diesen Momenten nur stark und strahlend sehen. Du nanntest mich deine Sonne. Die will ich jetzt auch für dich sein. Ich halte den Blickkontakt, spreche mit dir, singe für dich, küsse und streichle dich – so kostbar jede Sekunde.

Dann hast du deinen Körper verlassen und in mir spüre ich nur noch die Worte hohl und leer, hohl und leer, ich fühle mich hohl und leer. Dann kommt er hoch, dieser unfassbare Schmerz, der nichts anderes mehr zulässt. Kann nichts mehr spüren, außer dem Schmerz, nichts tun, außer mich im Schmerz zu krümmen und dann bin ich wieder hohl und leer, hohl und leer.

Mittwoch, 1. Februar 2017, 6.46 Uhr:

Gestern Grab ausgesucht, Blumen bestellt, deine Kleidung beim Bestatter abgegeben, die Rauhe geplant. Geredet, geredet, geredet… Dann irgendwann ein paar Stunden geschlafen, immer wieder wach, auf dem iPad muss im Hintergrund etwas laufen, sonst kann ich gar nicht schlafen. Bin bei Licht mit iPad auf dem Sofa, fühle mich so allein, obwohl ich mit Liebes- und Hilfsbezeugungen überhäuft werde. So viele, so lieb, so ehrlich.

So viele Leute aus Jürgens Vergangenheit schreiben tolle Sachen – wo wart ihr all die Jahre, warum kenne ich euch alle nur aus Erzählungen von Jürgen, warum wart ihr nie da als er euch vielleicht gebraucht hätte? Da waren nur wir, seine neue Familie in Liebe, in Verzweiflung, in Tatkraft und immer wieder in Liebe und seine neuen Freunde.

Donnerstag, 2. Februar 2017, 8.24 Uhr:

Letztes Jahr flogen wir nach Florida, es sollte ein Neubeginn werden, der Beginn eines neuen aktiveren Lebens, in dem ich meine Flugangst endgültig aufgab und mit ihm bis ans Ende der Welt fliegen würde und er aktiv an seiner Gesundung arbeiten würde. Es wurde der Beginn einer Abschiedstournee, denn nur ich hielt meint Wort…

Zeit, du brauchst Zeit, es wir besser mit der Zeit… Aber was soll besser werden? Das Leben wird weiter Verluste bescheren, Jürgen wird weiter nicht meine Hand halten. All die Verluste des Lebens lassen uns Schritt für Schritt sterben bis wir irgendwann selbst über die Regenbogenbrücke gehen.

Mein Körper beginnt zu schwächeln. Die Tage fast ohne Schlaf, die Verzweiflung, das viele Reden, das Weinen, die unbeantworteten Fragen fordern ihren Tribut. Ich werde langsamer, mein Herz stolpert, sogar der Blutdruck steigt an … “Achte auf dich” wird gesagt, “du musst an dich und deine Kinder denken” wird gesagt, “du darfst nicht schlapp machen” wird gesagt, “das Leben geht weiter” wird gesagt… Ich denke ja an mich und meine Kinder und ich weiß auch, dass das Leben weitergeht – aber ich kann nicht. Ich, die immer alles kann, ist außer Gefecht gesetzt. Ich kann nur kämpfen, ich kann nicht hinnehmen. Ich versuche zu meditieren und meine jahrelange Erfahrung hilft mir. Aber noch immer fühle ich mich hohl und leer, aber auch müde, nach all den Tagen zum allerersten Mal.

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2 Gedanken zu „Tagebuch eines unfassbaren Verlustes – Jürgen Schwarz ist über die Regenbogenbrücke gegangen

  1. Liebe Sophie, Du musst..Du solltest..die guten Ratschläge, sie drehen sich im Kreis, Du wirst den Schmerz aushalten, mit ihm funktionieren und die Leere wird sich nicht füllen, auch das wirst Du ertragen.Ich wünsche Dir von Herzen, dass der Schmerz erträglich wird, dass die Leere kleiner wird, aufgefüllt mit Leben in eine andere, neue Richtung, die jetzt unvorstellbar ist. Die Pläne die ihr hattet werden sich schmerzvoll wandeln und dafür wünsche ich Dir Menschen an die Du Dich lehnen kannst, die den Schmerz und Leere zulassen ,zu heilen und Dich nicht treiben mit Phrasen von ..das Leben geht weiter…klar gehts weiter aber anders, ungewollt, unerwartet anders und dafür wünsche ich Dir Zeit, Kraft, Visionen und ganz viel Liebe zum Leben.
    Liebe Grüsse Nina

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