Das Geschäft mit der Angst

Ich hatte Glück! Ich wuchs mit einem Vater auf, der mir einschärfte: „Angst ist ein schlechter Berater. Meide die, die dir Angst machen wollen – sie wollen nicht dein Bestes, sondern Macht über dich.“

Und mit einer Mutter wuchs ich auf, die immer wieder gerne den Fassbender-Titel: „Angst essen Seele auf“ zitierte und die mir riet, mich vor jeder Entscheidung bestmöglich und von unterschiedlichen Standpunkten aus zu informieren und dann noch ein paar Nächte darüber zu schlafen.

Meine Großtante ließ mich dann noch an ihrer Lebensweisheit teilhaben: „Die, die für alles Pillen schlucken, sterben als erstes. Wenn eine Krankheit nicht gehen will, geht mit ihr zum Homöopathen.“ Über dieses Bild musste ich oft lachen. Ich stellte mir dann vor, wie ich eine Krankheit auf dem Arm oder in einer Tragetasche, vielleicht auch in einem Rucksack zum Homöopathen trüge.

Mein Leben ist reich an Menschen, die ein hohes Alter erreichten ohne je in schwere Krankheiten gefallen zu sein – deren Lebensführung, Lebensfreude, Ernährung und Selbstverantwortlichkeit wohl das Geheimnis von gesundem Leben in sich tragen.

So gerüstet fand ich mich in einer Welt wieder, die von der Angst bestimmt ist. Gegen jedes erdenkliche Risiko kann und darf und soll man sich versichern. Gegen alle möglichen Krankheiten kann und darf und soll man sich impfen. Wenn es gegen diese Krankheiten keine Impfungen gibt so muss man sich vor ihnen fürchten und auf eine Impfung warten oder eine Pille oder eine Spritze oder eine Salbe.

Ich soll mich fürchten vor der nächsten Pandemie, vor dem nächtlichen Überfall, ganz besonders, weil ich eine Frau bin, soll den größten Teil meines Einkommens in Versicherungen stecken und brav alles mit mir tun lassen, was sich die WHO (Welt-Gesundheits-Organisation), das Robert-Koch-Institut und die Pharmaindustrie einfallen lassen. Aber nicht fürchten muss ich mich vor Medikamenten-Nebenwirkungen, Gentechnik, Atomenergie (denn die ist doch so sicher wie die Renten), Produkten aus Massentierhaltung, pestizidverseuchtem Obst und Gemüse…

Ich fand mich in einer Welt wieder, in der ein Land das andere überwacht, getrieben von der Angst vor Attentaten oder vielleicht doch getrieben von Voyeurismus? Böse Erinnerungen kommen hoch an all die Erzählungen von Großtante und Oma über eine Zeit, in der „die Wände Ohren hatten“ und man nie wusste, was man noch sagen und schreiben dürfe, ohne damit eine nicht bekannte Grenze zu überschreiten, die Kummer und Leid für einen selbst, aber auch die geliebten Menschen bedeuten könne. Wer weiß, wer wann was wie nutzen wird… Aber davor muss ich mich ja nicht fürchten.

Ich betrachtete diese Welt, die Menschen in ihr und dachte: „Angst essen Seele auf“ und verstand so, die Seelenlosigkeit, die so vieles Unverständliche und Unfassbare erst möglich macht…

Sophie

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