Trauerarbeit

Irgendwann im Jahr 2016 fand ich das Atelier Kunstwerk der Oberhausener Künstlerin Claudia Buch, die selbst Menschen, die noch niemals gemalt haben, nicht nur die Möglichkeit gibt, sich in ihrem Atelier auszuprobieren, sondern auch noch menschlich und fachlich zu motivieren weiß und die jedem “Ich kann das nicht”, ein sehr überzeugtes “Du schaffst das schon” gegenüberstellt. Bis jetzt hatte sie immer Recht – Danke hierfür, liebe Claudia.

Jürgen schrieb nicht mehr, meinen wunderbaren Schreiber bekam ich nicht mehr an die Tastatur. Zwischendurch arbeiteten wir zusammen an unseren gemeinsamen Texten, dann diktierte er aber lieber oder zog den Bleistift dem PC vor. Aber nur noch so selten. Ich wollte mit ihm malen, wollte ihm helfen, dass sich ihm eine neue Form der Kreativität eröffnen könnte. Kreativität, dem Inneren Ausdruck verleihen, dem Schönen, aber auch den inneren Zerrissenheiten. Außerdem war Jürgen, fand ich, mit seinen langen grauen Haaren und seiner so absolut liebenswerten Exzentrik der Prototyp eines Malers.

Aber er wollte nicht. Ich sollte für uns beide malen. Ich sollte ja auch für uns beide beten, für uns beide laufen … für uns beide leben …

Es war fast genau vor einem Jahr, als ich beschloss, eine Sonnenblume zu malen. Ja, ich mag van Gogh sehr, aber an den dachte ich wirklich nicht, als mir diese Idee kam. Eine Sonnenblume ist für mich das Symbol unbändiger Kraft. Sie dreht ihren Kopf immer der Sonne zu, verharrt nicht im Schatten, verliert sich nicht im Grübeln über das Dunkle, sondern sucht das Positive, das Licht, die Sonne. Wer mich kennt, weiß, dass kaum etwas mich und mein Denken mehr symbolisiert als diese wunderschöne Blume. Meine liebe Freundin Klaudia Hoffmann-Koller fand diese bahnbrechende Erkenntnis kürzlich sogar auf einem Einkaufsbeutel!

Jürgen war von der Idee völlig begeistert, ich ob der Größe der Aufgabe und der noch größeren Größe des einzig wahren Sonnenblumenmalers, etwas kleinlaut.

Von Beginn an spürte ich, dieses Bild ist etwas anderes. Hier übe ich nicht, hier male ich. Ob das Ergebnis später dem Auge des Betrachters gefällig sein würde oder nicht, war nicht wichtig. Es sollte meine Sonnenblume werden.

Jeden Donnerstagabend, wenn ich meine Arbeit an der Sonnenblume beendet hatte, machte ich ein Foto, um Jürgen die Fortschritte zu zeigen. Wie immer hatte ich in ihm den ehrlichen, sachlichen Kritiker, den stillen Bewunderer und den kreativen Ratgeber.

Dann ging  Jürgen über die Regenbogenbrücke. Dieses Bild brachte mich dazu, mir ein Tuch in den Regenbogenfarben zu stricken.

Aber zurück zu meiner Sonnenblume. Einige Wochen konnte ich nicht zu ihr. Ich schaffte nicht den Weg zum Atelier, auch wenn ich wusste, dass mich dort liebe Menschen empfangen würden und ich ja auch immer sage, wie wichtig es ist, dem Inneren Ausdruck zu verleihen. Aber in meinem Inneren war nichts, alles leer und taub.

Ich fand den Weg dann aber im März diesen Jahres wieder! Und für viele Wochen waren diese zwei Stunde am Donnerstagabend die einzige Zeit in der gesamten Woche, in der ich nicht dachte. Ich verlor mich vollkommen im Mischen der Farben, in dem Versuch, die Sonnenblume zu meiner zu machen. Wollte diese Spannung zwischen Licht und Schatten, Werden und Vergehen, Strahlen und Erlöschen, Leben und Tot erfassen, mit meinen so geringen Fähigkeiten. Hatte ich zu Beginn mein Umfeld überhaupt nicht mehr wahrgenommen, wenn ich begonnen hatte, in der Farbe zu rühren, nahm ich es von Woche zu Woche mehr wahr. Immer noch machte ich an jedem Donnerstagabend ein Foto. Schon vor einem halben Jahr wurde mir von lieben Freunden gesagt, dass meine Sonnenblume schön sei und was ich als nächstes malen wollte, aber sie war doch noch nicht fertig. Immer wieder nahm ich mir jedes Blatt vor. Mir wurde bewusst, dass nicht nur in der Zusammenfassung der Blütenblätter, sondern in jedem einzelnen Blatt Licht und Schatten, Werden und Vergehen, Strahlen und Erlöschen, Leben und Tot waren. Wie im richtigen Leben, in jedem Anfang liegt auch das Ende, Doch es ist an uns, unsere Blüte der Sonne zuzuwenden und die Schatten hinter uns fallen zu lassen.

Jetzt ist sie fertig meine Sonnenblume. Ich habe ihr den Titel “Trauerarbeit” gegeben, denn so ist sie entstanden und das wird sie bei jedem weiteren Betrachten bleiben. Trauer tut weh, aber sie ist nichts Schlimmes – wie armselig wäre unsere gemeinsames Leben gewesen, gäbe es nun keine Trauer. Ich habe sie angenommen, sie ist Teil meines Lebens und manchmal trägt sie die Farben des Regenbogens, manchmal ist sie ein Lied, manchmal eine Sonnenblume.

www.alles-kunstwerk.de

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“Flieg, Gedanke, getragen von Sehnsucht”…

“Sophie, solltest Du zum Gardasee fahren, musst Du nach Verona und Dir dort in der Arena unbedingt eine Oper anschauen. Das Erlebnis wirst Du nie vergessen.”

Ein lieber Rat, aber ich und müssen… da wächst Widerstand! Trotzdem ließ mich der Gedanke nicht los. Opern höre ich nicht täglich, auch nicht monatlich, eher sporadisch und dann schmettere ich gerne eine Arie mit. Vom Vogelfänger bis zum in den Kampf ziehenden Torero. Ach ja, da war doch etwas im Oberhausener Theater, als dort nicht nur das Schauspiel, sondern auch noch die Musik zu Hause waren. Als man noch über die Schule Schülerabos bekam, damit die jungen Seelen sich an der Kunst zu erfreuen lernten. “Carmen” stand auf dem Programm. Und genau dort bei der berühmten Aufforderung an den Torero in den Kampf zu ziehen, hielt es meine Füße nicht mehr und ich klopfte vehement den Takt mit. Der Boden unter meinen Füßen war aus Holz und es dauerte eine Weile bis ich begriff, dass all die bösen Blicke mir und meinen Füßen galten – aber man wollte doch die Begeisterung in den jungen Seelen wecken, aber wohl nicht so laut und nicht in den Füßen…

Als dann die Reisepläne feststanden und sich der Gardasee näherte, dachte ich an das “Du musst” und “unbedingt” und vielleicht würde man ja auf dem Steinboden der Arena di Verona meine Füße nicht hören…

Die Oper “Nabucco” stand auf dem Plan, ” meine” Oper, deren Gefangenenchor schon so oft mein Auto hat erbeben lassen – ja, ich musste und unbedingt.

Brütende Hitze hatte die Stadt aufgeheizt, jeder Platz in jedem Strassenlokal war besetzt von kulturbeflissenen Menschen. Fast wollte mich ein schlechtes Gewissen packen, weil ich den Tag lieber schwimmend verbracht hatte, statt in Gluthitze den berühmten Balkon zu suchen. ” Es war die Nachtigall”… sorry Romeo, sorry Julia, ich komme an einem kühleren Tag.

Da steht die Arena, imposant, sie nimmt gefangen – die Vorfreude macht mich ungeduldig. Sicherheitscheck, Kartenkontrolle, ein Blick auf das Schild, auf dem steht, was der geneigte Kunstliebhaber alles nicht mitbringen darf in die Arena. Dort finde ich tatsächlich eine durchgestrichene Pistole – man scheint Humor zu haben!

Die Bestuhlung ist gräuslich auf den Rängen, der Blick auf die Bühne genial. Ein Prosecco zum Einstimmen und dann geht es los. Vergessen sind die unbequemen Stühle, die nicht vorhandene Beinfreiheit, alles vergessen. Ich werde wie von einem starken Magneten hineingezogen in die Welt auf der Bühne, die Musik legt ihre Fesseln sanft aber bestimmt um mich – ich will, dass es nie mehr aufhört. Dann kommt er, der Gefangenenchor und ich merke, wie mein Gesicht feucht wird – es ist zum Weinen schön…

Später auf dem Weg zum Parkhaus summen sie die soeben gehörten Melodien, starren sie auf ihre Handys, mit denen sie heimlich und verboten dann doch ihre Lieblingsmusik aufgenommen haben. Friedlich, erfüllt von der Schönheit gehen wir vorbei an Soldaten, die uns beschützt haben, damit wir über Schönheit weinen konnten. Die Welt anno 2017…

Und ja, wenn Ihr in die Nähe von Verona kommt, dann müsst Ihr unbedingt in der Arena eine Oper hören, auch, wenn Ihr nicht müssen wollt und Opern nicht mögt!

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Back to Running

 

 

Laufen – seit so vielen Jahren meine Atempause, mein Ruhepol, meine Regeneration, mein Fitness-Training.

Letztes Jahr begann ich mit dem Training für den Traum Marathon – Ziel 2019. Jürgen versprach mir, an der Ziellinie mit einem Finisher-Shirt auf mich zu warten, auch wenn alle anderen schon weg wären und alles abgeräumt.

Jürgen – ich hatte viele Ausreden in den letzten Wochen und Monaten nicht in den Wald zu gehen, um wieder zu trainieren. Trauer, viel Arbeit, soviel Papierkram… Ein paar Mal halbherzig auf’s Laufband, aber in den Wald?

Dorthin, wo Jürgen mich auslachte, wenn er mich beim Joggen überholte und lauthals “Schöner leben mit Parkinson” rief?

Dorthin, wo wir nach seiner Hüft-Operation wieder laufen übten, dann Nordic Walking?

Dorthin, wo ich mich freigelaufen hatte von Sorgen und Ängsten, um wieder ganz da zu sein für meine Kinder, für Jürgen, meine Patienten, meine Freunde?

Dorthin, wo meine Kinder laufen gelernt hatten und die Natur entdeckten?

Dorthin, wo ich mit meinen so wunderbaren Hunden Cindy und June so viele glückliche Zeiten erlebt und unzählbare Stöckchen geworfen hatte?

      Jetzt, ich allein, nur für mich, in diese Wälder?

Ja, für mich!

Vor ein paar Tagen war es soweit. Ich zog die Laufschuhe an, füllte die Wasserflasche und fuhr zum Wald. Ich blieb ein paar Minuten im Auto sitzen, ließ all die Momente Revue passieren, voller Dankbarkeit für jeden einzelnen davon.

Dann lief ich los – Ziel Marathon, wann auch immer…

ZIEL  ZUKUNFT!

 

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Pray for London – Pray for Freedom

Ich wollte über unsere Reise nach London schreiben, all die wunderbaren Eindrücke und Erlebnisse, meine Teilnahme an der “Breath of Life-Conference” über Craniosacral-Therapie  – doch das muss noch etwas warten. Der erneute Angriff auf die Freiheit setzt andere Prioritäten.

Wem auch immer ich davon erzählte, dass wir nach London flögen, wusste etwas zu sagen. Fast alle gaben zu verstehen, dass London besonders sei, toll, voller Superlative, frei, offen, auch für Exzentrik – britisch eben. We are amused, we are not amused, aber alle dürfen sein – let it be…

Und gerade diese Stadt wird nun wieder angegriffen von Menschen, die Freiheit nicht ertragen können. Die das  Lachen nicht ertragen können. Die Demokratien nicht ertragen können..

London ohne Musical – schwierig. Wir entschieden uns für “The Book of Mormon”, bei uns noch ziemlich unbekannt, am Broadway und in London ein Kassenschlager.

Ist es nicht schön, dass wir niemanden erschiessen, inhaftieren, foltern, in die Luft sprengen, verfolgen, der eine christliche Religionsgruppe auf die Schippe nimmt? Ist es nicht schön, aufrichtig und unbefangen lachen zu können über so manche Auswüchse menschlichen Denkens, Handeln und Glaubens?

Wir gingen über die London Bridge, nachdem wir aus 310 Metern Höhe vom Hochhaus “The Shard” London bei Tag und im Lichterspiel der Nacht gesehen, soviel über diese Stadt und ihre Geschichte gelernt hatten. Mit einem Schnellboot waren wir noch zuvor über die Themse gebraust – immer wieder im Spannungsfeld der Moderne und der Geschichte. In London verschmelzen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und es werden die krassesten Gegensätze vor dieser Kulisse extrem deutlich, schon vor Jahrzehnten in “Streets of London” von Ralph Mc Tell besungen.

Ich erinnere mich an unser Lachen auf der London Bridge, unsere Unbeschwertheit und unseren Hunger, der uns dann auch in ein Restaurant trieb. Solche Menschen wurden jetzt ermordet, weil andere Menschen glauben, sie hätten ein Recht über Leben und Tod zu entscheiden. Egal wer, egal wo, egal warum – dieses Recht hat niemand, niemals, nirgendwo!!!

“I have seen much to hate here, much to forgive.

But in a world where England is finished and dead,

I do not wish to live.” (Alice Duer Miller)

Pray for London, pray for the world, pray for freedom, pray for peace!

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“Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können” (George Eliot)

So viele Menschen wünschen sich, noch einmal 20 oder 30 Jahre alt zu sein, um dann mit den Erfahrungen, die sie gemacht haben, noch einmal neu zu starten und alles besser zu machen. Wie oft höre ich das in letzter Zeit… Muss an meinem Alter liegen…

Ich weiss, dass ich in diesem Leben nicht noch einmal  20 oder 30 Jahre alt sein werde. Und ja, ich habe meine Erfahrungen – mein gesamtes bisheriges Leben ist ein riesengrosser Schatz. Leben, lieben, leiden, lachen, lernen – jeden Tag, jede Sekunde, gerade auch jetzt in diesem Moment. Und das darf ich auch weiterhin für immer, wo auch immer.

Also warum zurückgehen, wenn unendliche Zukunft vor mir liegt, eine Zukunft zu leben, zu lieben, zu leiden, zu lachen, zu lernen, zu sein…

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