Reisen

So lange ich denken kann, liebe ich es zu reisen. Für mich gab es viele Einstiege.

Der jährliche Sommerurlaub in den Alpen… Raus aus dem Ruhrgebiet mit seinen Zechen und Stahlwerken und der rußgeschwängerten Luft… Hier eine kleine Zeitreise: Dort, wo heute im Centro Oberhausen nach dem Shopping auf der Promenade noch ein Cocktail geschlürft oder ein Latte macchiato genossen wird, wurde früher, wie man bei uns im Kohlenpott sagt, malocht, Stahl gekocht…

Also raus aus der Ruß- Dunstglocke in eine Welt der bunten Almwiesen, der schneebedeckten Gipfel, eine Welt, in der Papa den ganzen Tag Zeit hatte, eine Welt, in der es jeden Tag etwas Neues zu entdecken gab, die Milch gleich aus dem Euter der Kuh kam und man Waldbeeren und Pfifferlinge sammelte und aß… Eine Welt, wo die steilen Aufstiege alles forderten und der Anblick einer Gams oder eines Murmeltieres als Entschädigung vollkommen ausreichte. Dort schmeckten das Butterbrot und der kalte Tee so gut…

Oder unsere Sonntage mit dem motorisierten Schlauchboot auf der Ruhr… Inspiriert von Jacques Cousteau lernte ich mit geöffneten Augen tauchen ohne Schwimmbrille – ja, man schwamm damals noch in Flüssen – und ich entdeckte im trüben Wasser eine Welt aus Steinen, Schlingpflanzen und Matsch – aber für mich waren es Korallenriffs, seltene tropische Wasserpflanzen und gefährlicher Treibsand. Und wenn ich dann wieder auftauchte von meiner Reise, dann schmeckten Mamas Nudelsalat und der kalte Tee so gut…

Oder mein kleines rotes Fahrrad… Meine Großtante schenkte es mir, ich glaube, ich war ungefähr 5 Jahre als. Vor dem Haus, in dem wir lebten, war ein Platz, der mir damals riesengroß erschien. Als ich ihn kürzlich besuchte, war er geschrumpft und zwar sehr… Doch damals war er die ganze Welt. Ich setzte mich auf mein Fahrrad und fuhr und fuhr und fuhr durch die Welt. Angeregt von einer Kinderausgabe der griechischen Sagen wurde Griechenland zu meinem Lieblingsreiseziel. Und wenn ich dann staubig und verschwitzt zurück aus Griechenland kam, dann schmeckten der warme Vanillepudding und der kalte Tee so gut…

Oder die Welt mit den Augen meiner Kinder sehen… Eine Zeitreise in Zukunft und Vergangenheit zugleich. Das Kleine wird groß, der Garten zum Kosmos, in dem das Schnarchen des Igels ganz schön an das Brummen eines Berglöwen erinnert… und wenn wir uns dann vor dem in Sicherheit gebracht hatten und auf sicherem Beobachtungsposten lagen, dann schmeckten das selbstgebackene Brot und der kalte Tee so gut…

Oder meine Tiere… Die Welt mit den Augen eines Jägers oder eines Beutetieres sehen. Es ist so verschieden, ob ich allein als Mensch durch den Wald gehe oder mit Cindy oder June, meine so geliebten Hunde, die leider nicht mehr bei mir sind, oder ihn vom Rücken meines Knubbelponies Black Jack sehe – derselbe Ort, andere Welten. Mein Garten wurde durch meine geliebten Katzen Mogli, Muschka und Romeo zum Jagdrevier und ich sah nicht mehr nur den eitlen Frieden der schönen Blümchen, sondern das tägliche survival of the fittest von der Ameise bis zur Elster. Lernte so viel über die Welt, das Leben – und trank  ungezählte Tassen Tee, kalt und heiss und sie schmeckten so gut…

Letztlich wurde ich mit dem Vorwurf konfrontiert, ich reise als Flucht. Und ich fragte, wovor ich fliehen sollte, denn ich liebe mein Leben, liebe die Welt, meine kleine und die grosse. Und da gibt es so viel zu sehen, zu lernen zu spüren, in mir und draussen – und so viel Leckeres zu essen und so viel Tee zu trinken…

Bald mehr…

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