Angst vor Monstern

Die Angst geht um in der Welt, die Angst vor der Ansteckung mit dem Virus Covid 19. Wozu führt diese Angst?

Der Schrei wird laut nach jemandem, der die Menschen beschützt. Es wird gerufen, nach einem Menschen, der Bescheid weiß, der weiß was zu tun ist. Kleinen Kindern gleich, die Angst vor einem Monster unter dem Bett haben und nach Mama oder Papa rufen, damit sie dieses Monster vertreiben und sie beschützen, rufen die Menschen nach ihrer Landesmutter oder ihrem Landesvater. Schließlich sei es ihr Job, alles zu wissen und in jeder einzelnen Situation genau zu wissen, was zu tun ist – warum sonst wurden sie zum Staatsoberhaupt gewählt oder haben sich selbst dazu gemacht?

So lernten die Menschen des 21. Jahrhunderts erst einmal das Händewaschen. Gleich einem trockenen Schwamm, der nach einer Dürreperiode das Wasser aufsaugt, saugten die Menschen die Tatsache auf, dass das regelmässige Reinigen der Hände mit Wasser und Seife doch tatsächlich Krankheiten verhindern kann. Selbst der deutsche Mann kann sich seitdem nach dem Toilettengang die Hände waschen. Nicht etwa, weil er seine Mitmenschen vor den Überresten der Berührung seiner Intimsphäre bewahren möchte, sondern weil er sich selbst vor den bösen Keimen schützen möchte, die ihm auf der Türklinke des Toilettenséparées aufgelauert haben. Hat nur mir meine Mutter beigebracht, mir regelmäßig die Hände zu waschen, achtungsvollen Abstand zu mir fremden Menschen zu halten, mich beim Husten und Niesen abzuwenden und mein Umfeld vor den eventuell ausgestossenen Produkten meines Körpers mit Hilfe eines Taschentuches oder, zur absoluten Not, meiner Ellbeuge zu schützen? Sei es drum. Das Kind hatte ein Schutzschild gegen das böse Monster erhalten und war erst einmal mit dem Erlernen der richtigen Händewasch- und Hust-Technik beschäftigt. Mutter und Vater hatten eine kleine Verschnaufpause, in der sie die Lage weiter beobachten und einschätzen konnten. Jetzt fehlte noch ein Schlaflied.

Die nächste bahnbrechende Erkenntnis kam dann mit der sogenannten Kontaktsperre. Auch da staunte ich über alle Massen, dass es eine offensichtlich vollkommen neue Erkenntnis war, dass sich in Menschenansammlungen Krankheitserreger schneller verteilen. Und auch, dass man sich, wenn man Symptome einer Erkrankung wie Husten, Fieber, Halsweh bei sich feststellt, tunlichst von seinen Mitmenschen fernhalten sollte. Das war ja jetzt fast wie ein beruhigendes Schlaflied, denn das gesellschaftliche Leben verfiel in einen tiefen, kaum gestörten Schlaf. Wenn da nicht die Notwendigkeit der Arbeit oder des Besorgens lebensnotwendiger Dinge wäre. Also brauchten wir eigentlich noch eine Kuscheldecke.

Auch die war schnell gefunden. Mundschutz, gerne auch aus schönen bunten Stoffen selbst genäht, denn der besorgte Hamster hat ja schon längst alle Vorräte gehortet, und Einmalhandschuhe. Jetzt hat das Monster aber wirklich keine Chance mehr. Oder doch?

Hat es, denn was ich heute in dem Supermarkt meiner Wahl und dessen Parkplatz beobachten durfte, war schon erschreckend. Da wurden mit behandschuhten Händen die Nasen unter dem Mundschutz gekratzt und danach mit denselben behandschuhten Händen sämtliche Tomaten gedrückt auf der Suche nach den besten Stücken. Der Mundschutz, der offensichtlich beim freien Atmen störte, wurde von der Nase genommen, beim Telefonieren mit dem Mobiltelefon, das selbstverständlich mit den behandschuhten Händen bedient wurde, unter das Kinn geschoben. An der Fleischtheke wurde peinlichst genau auf den Abstand nach vorn und nach hinten geachtet, nicht jedoch auf den Abstand zum Nebenmenschen, der für Wurst anstand – da kam man sich wieder kuschelig nah.

Auf dem Parkplatz wurde es wieder richtig spannend. Nicht eine einzige Person entledigte sich des Mundschutzes und der Handschuhe richtig. Zunächst wurde mit den Handschuh-Händen der Mundschutz entfernt, um zusammengeknüllt in der Jackentasche zu verschwinden. Dann kamen die Handschuhe dran. Wie eine Dame in einem alten Film, die sich die teuren Lederhandschuhe auszieht, wurde erst der eine Handschuh Finger für Finger von den verschwitzten Händen gezogen und in die nun blosse Hand gelegt, die dann die gleiche Prozedur mit dem anderen Handschuh vollzog. Dann allerdings gab es zwei Varianten – die eine war, zunächst nach rechts und links zu schauen, ob auch niemand zuschaut, und wenn die Luft rein war, wurden die bösen infizierten Handschuhe unter das Auto oder in das nächste Gebüsch geworfen. Die umweltbewussteren Mitbürger, knüllten oder falteten ihre Handschuhe zusammen und beförderten sie zum Mundschutz in die Jackentasche – dort warten sie alle zusammen kuschelnd, den bösen Viren eine gemütliche Heimstatt gebend, auf ihren nächsten Einsatz. Aber der Mensch, der sie benutzt hat und es wieder tun wird, fühlt sich sicher. Er hatte doch seine Kuscheldecke benutzt. Es schrie in mir: “Leute, benutzt doch bitte den gesunden Menschenverstand.”

Aus dieser Scheinsicherheit und in der Überzeugung alles Menschenmögliche zu seinem Schutz getan zu haben, glauben viele Menschen dann wieder nach Mama und Papa rufen zu können und ihnen sagen zu können, dass sie aber auch alles falsch machen. Sie wissen nicht genug, sie tun nicht genug und was sie tun ist falsch. Meinen Kindern sagte ich früher immer: Alles klar, ich bin Mutter, ich bin schuld. Das war für sie die ultimative Aufforderung selbst nachzudenken. Den Fehler bei sich selbst zu suchen. Und sie taten es.

A young man holds a blue pacifier in his mouth

Bitte, liebe Mitmenschen, nehmt den Schnuller aus dem Mund und stellt euch eurer Eigenverantwortung und dem Leben. Zur Eigenverantwortung gehört nicht nur, dass man als erwachsener Mensch Hygienemaßnahmen richtig beherrscht und respektvollen Abstand hält, sondern auch die Akzeptanz, dass es nicht für jede Gefahrensituation eine Patentlösung gibt, dass wir nicht alles beherrschen können. Dazu gehört auch, dass man sich selbst und anderen die Zeit gibt, ein Problem zu analysieren, um dann ruhig und sachlich den besten Umgang damit und möglichst eine Lösung zu finden. Jetzt liegt sie in der richtigen Einhaltung der Massnahmen und dem ruhigen Abwarten auf neue Erkenntnisse. Mama und Papa suchen nach Lösungen. Aber sie brauchen nachdenkende und verantwortungsvoll handelnde Menschen. Dann können wir alle wieder frei leben. Glaubt nicht, euer Leben sei unantastbar. Eure Freiheit ist es sehr wohl, aber nur dann, wenn ihr glaubt, Schild, Schlaflied und Kuscheldecke würden alle Gefahren des Lebens abwenden.

Ich hoffe ja, dass die Covid-19-Plage die Menschen zumindest dauerhaft gelehrt hat, wie und wann man sich die Hände wäscht und dass kranke Menschen ins Bett und nicht auf die Party, in den Bus und, als bekennender BvB-Fan, nicht ins Stadion gehören. Und nur nebenher, Mundschutz, Desinfektionsmittel und Einmal-Handschuhe brauchen die Menschen am dringendsten, die im Zweifelsfall euer Leben retten und die in jeder Krisensituation ohne Rücksicht auf ihre eigene Person für euch da sind, jetzt leider zu häufig ohne jeglichen Schutz. Die wissen auch, wie man sie richtig benutzt.

“Those who would give up essential liberty, to purchase a little temporary safety, deserve neither liberty nor safety.” (Benjamin Franklin)

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