Corona – Patient Menschheit

Die Tür meiner Praxis öffnet sich. Vor ihr steht die Welt und fragt mich, was los sei mit ihren menschlichen Bewohnern.

Ich schaue mir den Patienten Menschheit genauer an. Eine gründliche Anamnese ist die Basis, auf der jegliche homöopathische Behandlung beruht. Im Vordergrund steht eine Infektion, die der Grippe nicht unähnlich ist, nach neuesten Erkenntnissen aber häufiger als die Grippe zu Atmungsproblemen führt, die eine stationäre Behandlung mit Beatmung in einem Krankenhaus notwendig macht. Was sagt das über meinen Patienten? In erster Linie ist ihm alles zuviel geworden. Er kann und will nicht mehr aufnehmen, ihm geht im wahrsten Sinne des Wortes die Luft aus. Ist es die Reizüberflutung? Sind es die immer höheren Ansprüche, die der Alltag an die Menschen stellt, die zwischen Arbeit und Familie, Social Media und Dauerpräsenz hin- und herspringen, wie ein Ball bei einem Tischtennisspiel? Ist es die Überforderung der immer komplexeren Lebensumstände, die die Welt zum Dorf schrumpfen lässt und das Vorstellungsvermögen schlicht überfordert? In Australien brennt der Busch, irgendwo tobt immer ein Krieg, Bedrohung durch Terror, Naturkatastrophen, die den Menschen über Fernseher und Smartphone direkt ins Wohnzimmer und in die Hand gesendet werden? Ganz gleich wo auf der Welt etwas passiert, die Menschen sind immer mittendrin, auch wenn sie tausende von Kilometern entfernt sind. Das wird zuviel.

Aber ich schaue weiter, will wissen, was diese Erkrankung mit den Menschen macht, wozu werden sie gezwungen, was müssen sie erleben, worauf müssen sie verzichten?

Da bestätigt sich der Anfangsverdacht. Zurückziehen müssen sie sich. Das übergeschäftige tägliche Treiben auf ein Minimum reduzieren. Geschäfte werden geschlossen – das Dauershopping kommt zum Erliegen. Ihre Kinder können sie nicht mehr fremdbetreuen lassen. Sie müssen sich entscheiden – Arbeit oder Kinder. Bislang konnten sie sich durch das Outsourcing der Betreuung dieser Entscheidung entledigen. Jetzt nicht mehr. Reisen werden eingeschränkt. Die Flucht vor dem Alltag, die Flucht vor sich selbst ist nicht mehr möglich. Sie müssen sich mit sich selbst auseinandersetzen.

Die Grenzen werden geschlossen. Sie dachten, sie wären frei, jederzeit dorthin zu fahren und zu fliegen, wohin sie auch wollten. Das geht nun nicht mehr. Es ergeht ihnen wie den tausenden von Menschen, die in ihr Land wollen, auf der Flucht vor Krieg, Terror und Armut und denen sie den Zutritt verwehren, in dem Irrglauben, die Welt sei aufgeteilt in Länder, Rassenzugehörigkeit und Weltanschauung. Zeit zu erkennen, dass die Welt ein einziger grosser Ort ist, den wir uns teilen müssen, alle quasi in einem Boot sitzend, denn das Virus macht vor Landesgrenzen nicht halt, es unterscheidet nicht nach Religion oder Hautfarbe. Es behandelt alle gleich. Quarantäne auf einem Kreuzfahrtschiff wird als fast unzumutbare Belastung empfunden – das Ausharren auf überfüllten Nuss-Schalen auf dem Mittelmeer ist aber hinnehmbar?

Das schlimmste Symptom ist aber die Angst, eine Angst, die dazu führt, dass Menschen in Panik geraten, wenn ein anderer niest. Eine Angst, die Menschen Lebensmittel und Toilettenartikel in Mengen horten lässt als müssten sie Jahre der Eingeschlossenheit überstehen. Eine Angst, die rücksichtslos und kopflos werden lässt, denn ein Virus kann man nicht sehen, nicht schmecken und nicht riechen und sie fühlen sich schutzlos ausgeliefert. Die Menschen scheinen die Kontrolle über das Leben verloren zu haben.

Aber hatten sie diese Kontrolle jemals? Unsere schöne bunte Wohlstandswelt gaukelt uns vor, wir wären in Sicherheit vor jedweder Gefahr. Nur in Ausnahmesituationen, persönlichen oder gesamtgesellschaftlichen, wird plötzlich gar zu deutlich, dass wir die Kontrolle nicht haben. Ein Orkan pustet das Hausdach fort, ein Tsunami tötet tausende von Menschen, ein Atomreaktor wird durch ein Erdbeben zerstört, ein Krankheit befällt uns und lässt sich durch kein vorhandenes Medikament heilen. Die Menschen sollen also raus aus der Selbstüberschätzung, dem Wahn, sie hätten über ihr gesamtes Leben und die Welt die Kontrolle.

Es gilt, sich auf das Wesentliche reduzieren, der unbegrenzte Konsum ist für eine zeitlang ausgesetzt. Die Arbeit fällt weg, Betriebe sind von dem finanziellen Ruin bedroht, die Aktienbörsen stehen kurz vor dem Zusammenbruch. Die angeblichen Selbstverständlichkeiten sind bedroht. Die Menschheit ist aufgefordert in sich zu gehen, sich bewusst zu werden, was ihr Leben eigentlich ausmacht, wenn all die Selbstverständlichkeiten wegfallen.

In früheren Jahrhunderten starben Menschen millionenfach an Infektionen und Hungersnöten. In den ärmeren Ländern unserer gemeinsamen Welt ist dies immer noch so. In den Industrienationen wurde dies von Krebs und Herz-Kreislauf-Krankheiten ersetzt. Der höhere Lebensstandard und die damit verbundene bessere Versorgung und Hygiene ließ uns vergessen, wie zerbrechlich unser Leben ist. Die Menschheit ist aufgefordert, sich dessen wieder bewusst zu werden. Statt unzufrieden zu nölen, dass wir uns manches nicht erlauben können, dass das Leben auch mit Anstrengung verbunden sein kann, darf sich jeder jetzt in der Zurückgezogenheit der angeordneten Maßnahmen bewusst werden, was für jeden Einzelnen das Wesentliche im Leben ist und Dankbarkeit dafür üben, einfach nur leben zu dürfen, alles andere ist ein Extra, ein Upgrade.

Der Menschheit wird eine Zwangspause verordnet, die sie sich selbst niemals zugestehen würde. Sie braucht dringend Erholung, um zu sich zu kommen, die Spirale des immer-mehr und immer-schneller zu durchbrechen, während die Welt im Frühling erblüht und Delphine sich vor Italiens Küste tummeln, vollkommen frei von Angst zufrieden, dankbar und glücklich, dass sie einfach nur leben dürfen. Welch ein Geschenk. Ein Geschenk, dass ein grosser Teil der Menschheit nicht mehr zu würdigen weiß und hoffentlich jetzt wieder zu schätzen lernt. Das Leben als solches ist wertvoll, nicht das Haben, sondern das Sein.

Liebe Welt, ich hoffe, deine Menschheit nimmt diesen Bewusstwerdung-Prozess an. Dann wird sie wieder gesund.

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3 thoughts on “Corona – Patient Menschheit

  1. Hallo liebe Frau Schwarz,

    vielen Dank für Ihre Zeilen, die zum Nachdenken bringen! Ich hoffe, dass wir alle gemeinsam diese geschenkte Zeit dafür nutzen.

    Liebe Grüße
    Ayfer Candan

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