Mensch-Sein

“Du kennst die Menschen nicht, solange du nicht erlebt hast, dass es um’s Brot geht.”

Dieser Satz meiner Großtante schwirrt mir durch den Kopf, seitdem ich von Hamsterkäufen las und sie leider auch selbst beobachten durfte. Ich gehöre zu einer gesegneten Generation. Wir blieben verschont von Hunger und auch von direkten Kriegen, die fanden immer nur weit entfernt statt. Geboren in eines der reichsten Länder der Erde mangelte es mir nie am Lebensnotwendigen und, je nach Finanzsituation, auch nicht an dem einen oder anderen nicht wirklich Lebensnotwendigen. Gesegnet bin ich auch dadurch, dass ich noch Zeitzeugen aus zwei Weltkriegen kenne, die Not, Hunger, Geldentwertung und den Kampf um das Wirtschaftswunder am eigenen Leibe erfahren mussten. Sie lehrten mich die Dankbarkeit, lehrten mich, dass all das, was mich umgibt, keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Geschenk.

Die Zeiten haben sich geändert. Unser hoher Lebensstandard liess so viele Menschen vergessen, dass die Abwesenheit von Armut, Seuchen und Kriegen keine Selbstverständlichkeit ist. Und während wir in der Hängematte des Überflusses baumelten, meldete sich ein Virus zu Wort. Dieses Virus macht Angst, denn Menschen sterben. Unsere persönliche Freiheit wird durch alle möglichen Massnahmen eingeschränkt. Und plötzlich geht es im übertragenen Sinne wieder um’s Brot. Da wird gehamstert, dass die Einkaufswagen überquellen. Wer hustet oder niest, wird ausgegrenzt. Im Internet mehreren sich die Hasskommentare, weil unser reiches Land erkrankte Menschen aus dem Ausland aufnimmt, dass unter der Belastung der Anzahl der Erkrankten zusammenbricht. Noch haben wir freie Kapazitäten und können vom Tode bedrohten Menschen medizinische Versorgung zur Verfügung stellen. Kranker Mensch ist kranker Mensch, welche Rolle kann da die Nationalität spielen? Statt dankbar zu sein, dass wir in der Lage sind zu helfen, dafür dass es uns selbst in der momentanen Krise noch so gut geht, wollen viele neben Toilettenpapier selbst Intensivbetten hamstern. Alles meins. Wie am Hotelpool – mit dem Handtuch die Liege reservieren, falls man sie später benötigt. Machen wir uns alle bewusst, wie töricht dieses Verhalten ist.

Beispielgebend sind nicht nur jetzt, sondern zu allen Zeiten, die Menschen, die sich für ihre Mitmenschen einsetzen. Genau auf diese Menschlichkeit setzen all diejenigen, die nun nicht bereit sind, Toilettenpapier, Konserven und was sonst noch zu teilen. In dem Moment, in dem sie selbst selbstlose Hilfe anderer benötigen, sehen sie es als ihr selbstverständliches Recht, dass andere ohne Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse Ihnen zu Hilfe eilen.

Die Menschen dürfen die Menschlichkeit wieder neu entdecken. “Ein Mensch bist du; sei menschlich drum gesinnt” (Ménandros) – immer.

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