Tagebuch eines unfassbaren Verlustes – Fortsetzung

Freitag, 3. Februar 2017, 7.03 Uhr:

Ich mache es so, wie du gesagt hast. Ich schreibe und schreibe und schreibe… Tagebuch, Trauerrede, unser Buch… Wenn ich so viel schreibe, wie wir miteinander geredet haben, wird sehr bald eine ganze Bibliothek voll sein, im Internet wird für nichts anderes mehr Platz sein…

Es erstaunt mich, dass ich Hunger habe. Es erscheint mir so profan und erinnert mich daran, mit welcher Freude du immer gegessen hast. Stundenlang konnten wir bei Tisch sitzen und alle waren erstaunt, welche Berge du vertilgen konntest ohne zuzunehmen. “Was soll ich heute kochen?” – “Nudeln! Was sonst…” – “Was möchtest du zum Frühstück?” – “Machst du wieder dein tolles Müsli?” ” Ach Jürgen, schon wieder Nudeln?”… Wir lachten so viel.

Ja Jürgen, ich mache jetzt mein tolles Müsli, bringe es kaum über mich, nur eine Schale aus dem Schrank zu holen…

Samstag, 4. Februar 2017, 7.32 Uhr:

Gestern haben wir deine Zeitung für deine Trauerfeier drucken lassen – ich glaube, sie gefällt dir. Jan und ich trauen uns kaum nach Hause. Wenn wir unterwegs sind, können wir uns einbilden, dass du zu Hause auf uns wartest und wir dir dann erzählen können, was wir so erlebt haben.

Ich habe die Trauerfeier fertig organisiert. Jetzt kannst du staunen – nicht erst Sonntagnacht, wie sonst immer, wenn ich zu einem Termin fertig sein muss, nein, jetzt schon. Dann haben wir mehrere Folgen von “The Grand Tour” gesehen und wussten zu allem, was du sagen würdest. Doch du sagtest es nicht…

Langsam komme ich in die Erschöpfung, kann sogar stundenweise schlafen. Aber diese Leere zerfrisst mich. Will weiter für dich kämpfen, weiss, dass mein Platz hier ist – du weisst wie unerträglich es für mich ist, in Situationen gezwungen zu werden, wenn ich nicht selbst entscheiden kann über mein Leben. Du hast nicht nur für dich, sondern auch für mich entschieden. Ich wollte das aber nicht so, aber du hast dich durchgesetzt. Es gab und gibt für mich keinen akzeptablen Grund für dich zu gehen. Und das alles macht es noch schwerer…

Mittwoch, 8. Februar 2017, 6.58 Uhr:

Langsam tauche ich auf aus dem Tunnel, in dem es nur darum ging, stark genug für die Trauerfeier zu sein. Ich habe es geschafft, habe an deinem offenen Grab gesungen, bin bei all den Liedern nicht zusammengebrochen. Habe vieles über dich noch erfahren dürfen. Menschen lernten sich kennen – ja, eindeutig, das war eine Feier völlig in deinem Sinne.

Ich stehe an deinem Grab, über und über bedeckt mit Blumen, und alles verschwimmt, nicht in Tränen. Nein, es ist so vollkommen unwirklich, das kann und darf nicht die Realität sein, dein Name auf einem Kreuz.

Ich lebe von Sekunde zu Sekunde, weiter kann ich nicht schauen.

Und nicht warum fragen, nur nicht warum fragen.

23.23 Uhr:

Mich erschüttern neue “Normalität”, ich gehe nicht zu Bett, ich schlafe auf dem Sofa, dein Sessel ist leer, der Nachrichtensender ist verstummt, der tägliche Weg zu deinem Grab, der Schmerz, dieser Schmerz mal dumpf, mal schrill, mal leise lauernd, dann laut schreiend. Immer präsent, immer da – neue Normalität. Verlust der Unbeschwertheit, der Unschuld auf allen Ebenen. Die Welt verliert das Reale. Eine Welt, in der so etwas geschieht, kann nicht real sein. Ein solcher Schmerz muss einer absurden Fantasterei entstammen. Ich geh auf’s Sofa, schreibe statt mit dir zu reden – neue Normalität, absurde Normalität.

Freitag, 10. Februar 2017, 21.38 Uhr

Notar, Testament, Banken, Versicherungen – allen muss ich es sagen schriftlich geben. Mein Mann ist… dann muss ich weinen, jeder versteht es, versucht zu helfen. Und ich sehe die Angst in ihren Augen, die Angst davor, dass auch ihnen dieses Unfassbare passieren könnte. Ich bekomme eine seltsame Sonderstellung, werde zu der, die so stark war, die Trauerfeier selbst zu halten, zu der, die man vorsichtig behandeln muss, so als würde ich sonst zerbrechen oder weinen oder gar beides.

Ich bin dankbar für die Hilfe, für die so vielen Beweise von Mitgefühl und Zuneigung, ja, es tut gut. Balsam für die zerschundene Seele. Die Zeit geht weiter, Sekunde an Sekunde reiht sich ohne Jürgen an meiner Seite. Ich lebe noch, muss wohl noch leben, sonst würde ich den Schmerz nicht so deutlich spüren.

Sonntag, 12. Februar 2017, 19.45 Uhr

Ich soll abgelenkt werden – Einladungen zu allen möglichen Aktivitäten. Aber was soll ich dort. Dinge, die ich früher nicht mochte – warum sollte ich sie jetzt tun? Will nicht verdrängen, übertönen. Will so weiterleben wie bisher, bewusst, intensiv, unabgelenkt. So bin ich, das ist mein Weg.

Auf deinem Grab sind schon die ersten Kerzen abgebrannt. Ich ersetzte sie  und sehe an ihnen noch einmal deutlich wie die Zeit unaufhaltsam verrinnt. Vor zwei Wochen saß ich noch an deinem Krankenbett. Liess mit dir unser gemeinsames Leben Revue passieren, hoffte, betete, bettelte, glaubte an deine Genesung. Hielt dich – du warst so warm, deine Brust hob und senkte sich, dein Herz schlug, ich sprach und sang… Erst zwei Wochen her, schon zwei Wochen her… so kurz, so lang…

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2 Gedanken zu „Tagebuch eines unfassbaren Verlustes – Fortsetzung

  1. Jede Träne ist es wert zu fließen, um den Verlust eines geliebten Menschen zu verarbeiten. Er wird uns immer sehr Nahe bleiben.
    Ablenkung ist da nicht wirklich eine Hilfe, wenn auch gut und von Herzen gemeint.

  2. Liebste Sophie, jetzt weiss ich warum Jürgen wollte, dass die Sopherl-Sonne schreibt und schreibt und schreibt…. Wunderschön

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